Der Pluralismus in den bürgerlichen Wissenschaften

Wie Respekt Objektivität ersetzt

Dass sich verschiedene Positionen, die demselben Gegen- stand gelten, wechselseitig in die Quere kommen, muss auch den Verfechtern dieser Positionen auffallen, da jede Theorie darauf besteht, die Erklärung – oder zumindest ein Stück Erklärung – ihres Objekts zu liefern und nicht bloß die Kundgabe eines Interesses oder einer Meinung zu sein. Dass dem so ist, beweisen die einzelnen Wissenschaftler in ihren opera magna et minima zunächst einmal da- durch, dass sie sich um bereits entwickelte Theorien kümmern und ihre Abhandlungen nicht als Einnahme eines subjektiven Standpunkts verstehen, als unbekümmerte Äußerung ihrer Meinung. Und dass sie sich darin mit den Theoretikern einig wissen, denen sie widersprechen, bekunden die Wissenschaftler damit, dass sie sich wechselseitig kritisieren: In Tausenden von Fußnoten nehmen sie aufeinander Bezug und argumentieren für ihre und gegen die Theorie ihrer Kollegen. Indem sie miteinander streiten, die eigene Auffassung über den Gegenstand gegenüber der anderer rechtfertigen und die Alternativen gewisser Mängel bezichtigen, halten sie an der Objektivität der Wissenschaft fest. Die Art und Weise allerdings, in der sie dies tun, zeigt, dass sie deswegen noch lange nicht auf objektive Erkenntnis aus sind und die Fehler ihrer Zunft beseitigen wollen. Aus der Diskussion zwischen Wissenschaftlern ist in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften die Wissenschaft der Diskussion geworden.

Weil das, was den Gegenstand aus- macht, gar nicht zur Debatte steht, wenn die Wissenschaftler miteinander diskutieren, sondern jeder sagt, was er am Gegenstand problematisieren möchte, weisen sie keiner Theorie ihre Ungültigkeit als Erklärung ihres Objekts nach, sondern verfallen darauf, der anderen Auffassung das Manko vorzurechnen, sie vernachlässige die eigene. Kritik ist für sie nicht dasselbe wie die Aufdeckung und Beseitigung der Fehler in der Theorie, die sie an- greifen, sondern die Kundgabe ihrer Betrachtungsweise, die sie in der kritisierten Erklärung vermissen. Dabei gelingt es zugleich, die eigene Auffassung der Kritik zu entziehen, indem man sie als einen anderen Ansatz einführt, der den konkurrierenden Ansätzen zwar abgeht, diese aber keineswegs überflüssig machen soll. Es ist eben auch wieder ein Aspekt, der in ihm zur Sprache kommt, und als solcher hat er seine Berechtigung. Wo die Kritik das Kritisierte nur auf eine subjektive, von keiner Notwendigkeit wissenschaftlicher Objektivität diktierte Stellung zum Gegenstand bezieht, relativiert der Kritiker seine eigene Auffassung und macht sich unangreifbar: Er hat mit seiner Selbstrelativierung angegeben, was ihm bestenfalls vorzurechnen ist: dass er ebenfalls andere Gesichts- punkte vernachlässigt. So verstehen es die Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler in einem albernen Hin und Her von Vorwürfen, die kritisierte Theorie anzuerkennen und zu relativieren in einem.Was sie sich in ihren Auseinandersetzungen leisten, stehen sie nicht an, in Reflexionen über ihr Tun zu bekräftigen. In den Einleitungskapiteln zu den Lehrbüchern ihrer pluralistischen Wissenschaft und in Kommentaren zu den unzähligen Sammelbändern bekennen in der öffentlichen Kommentierung des Ereignisses sind allerdings kritische Stimmen nicht zu überhören:

Manche beschleicht „nach dem feierlichen Sonntag in Rom … ein Un- behagen“, und sie fragen sich, ob die Seligsprechung nicht „zu früh und zu schnell“ stattgefunden habe. Der polnische Kirchenmonarch habe zwar unbestreitbar seine Verdienste gehabt, v.a. bei „der Überwindung kommunistischer Diktaturen“, als Chef der Katholiken habe er aber – amtsbedingt – auch an der „ethischen Ambivalenz (getragen), die Führungsämtern zu eigen ist“. (SZ, 2.5.) Diese vorsichtig-respektvolle Kritik betrifft Wojtylas „autoritäres Kirchenregiment“, seine „schützende Hand“ über kirchlichen Hurenböcken und Kinderschändern und sei- ne Missachtung gegenüber kritischen Theologen und innerkirchlichen Karrierewünschen von Frauen. Das alles, zusammen mit der ungebührlichen Eile bei der Promotion, soll der Seligsprechung von Rom ein „immanentes Glaubwürdigkeitsproblem“ beschert haben.

Das ist ein hübscher Witz und ein schönes Beispiel für den Fundamentalismus des demokratischen Gemeinwesens, den sich seine ideellen Sachwalter im Medienwesen zu eigen machen und mit dem sie jede individuelle oder kollektive Lebensregung in ihrem weit gespannten Zuständigkeitsbereich auf ihre geschuldete Funktionalität abklopfen, selbst dann noch, wenn derlei Regungen gar nicht auf die geforderte Dienstbarkeit berechnet sind:sie sich ohne Ausnahme zur Perpetuierung ihrer Fehler. Mit demonstrativem Bedauern über das Scheitern ihrer Bemühungen um Einheit konstatieren sie sorgfältig das Sammelsurium der vielen sich widersprechenden Theorien, die die Gemeinde hervorgebracht hat, um diesen Offenbarungseid des wissenschaftlichen Verstandes ohne Umschweife konstruktiv und positiv zu wenden: Sie verstehen Wissenschaft als pluralistische Veranstaltung. Sie distanzieren sich in ihren Betrachtungen nicht nur formell von ihrem eigenen Werk, indem sie sich in die Pose des unbeteiligten Beobachters begeben, sondern erklären sich bereit zum Verzicht auf wissenschaftliche Objektivität.

Die konkurrierenden Theorien verlieren ihre beunruhigende Wirkung auf den Wissenschaftler, der in die Rolle des Beobachters der Wissenschaft geschlüpft ist, indem er sie zu gleichwertigen macht, auf einem Urteil über sie nicht besteht und ihnen den Charakter eines Versuchs bescheinigt. Dies ist die Manier, in der die pluralistische Wissenschaft ihr Versagen, das sie bemerkt und deshalb auch bespricht, als ihre eigentliche Fähigkeit zu feiern versteht. Wissenschaft ist ein Versuch – zur Fortsetzung ihrer Fehler.

Das Bekenntnis zur Fortführung einer wissenschaftlichen Tätigkeit, deren Mängel man selbst konstatiert, ohne ein Interesse daran, ihnen auf den Grund zu gehen und sie abzustellen, die Verwandlung der eigenen Fehler in die Natur von Wissenschaft schlecht- hin, ist die Elementarform des Jargons der Bescheidenheit, den sich die Repräsentanten einer Wissenschaft zugelegt haben, denen es nur in einem Sinne auf Objektivität ankommt: sie wollen sie loswerden. Dieser Jargon bildet sich zunächst in dem Geschäft der Relativierung anderer Theorien heraus, in dem es darum geht, die eigene Partikularität in das gelobte Land der wissenschaftlichen Anerkennung einzuführen. Die Relativierung darf also auf keinen Fall die Besonderheit der anderen Theorie und damit ihren Urheber angreifen. Der Angriff muss sich also mit Anerkennung verbinden, so dass die Kennzeichnung der Theorie, der man sich hinzugesellen will, als falsch von vorneherein entfällt. „Falsch“ und „richtig“ sind Kategorien, die ein Interesse an Objektivität unterstellen, und deswegen für Diskussionen innerhalb der pluralistischen Wissenschaft ungeeignet. Man wirft sich daher „Einseitigkeit“ vor und stellt damit klar, dass man dem anderen nichts vorzuwerfen, sondern lediglich die andere Seite, die eigene nämlich, ins Spiel zu bringen hat. Empfehlenswert ist auch die Anerkennung in der Form des verbalisierten Stirnrunzelns, die dem Angegriffenen zu erkennen gibt, dass man sich mit seinem Zeug redlich herumschlägt: man nennt die diskutierte Auffassung „problematisch“ und erinnert an gewisse Konsequenzen, die man sich aus dieser Auffassung zurechtlegt, so dass das Missverständnis ausbleibt, die Wissenschaftlichkeit der getadelten Theorie stünde in Frage. Gut zu Gesicht steht auch die Pose des Fortsetzens, die man mit der Phrase ein- nimmt: „Damit ist noch nichts gewonnen.“ Man biedert sich so bei seinem Gegner an, unterstellt ihm dasselbe Interesse wie das eigene, sorgt sich um den gemeinsamen Gewinn und schafft sich so einen schönen Auftakt für den Ansatz, Vorschlag, die Dimension u.Ä., eben das, was man dem anderen Ansatz hinzufügen möchte. Ohne zu verletzen, kann man auch mitteilen, dieser oder jener Begriff erscheine einem zu „eng“ oder zu „weit“, vielleicht auch nicht „fruchtbar“ genug, nicht „erfolg- reich“, der Preis, der zu entrichten sei, sei zu hoch. Und wenn es die Theorie, die man nicht übernehmen, aber auch nicht kritisieren will, schon länger gibt, dann muss man betonen, dass sie heute nicht mehr geht.

Umgekehrt ist all das, was man selbst sagt, relativierend zu präparieren: Man muss sich also erst einmal vor die Brust klopfen und die einseitige Betrachtungsweise, der man huldigt, bedauern. „Vorläufig aber“ – ist dann fortzufahren – „sei man zu nichts anderem in der Lage“; inwieweit das Gebotene etwas tauge, möchte man der Diskussion überlassen, die wird es dann schon zeigen. Es ist also der Eindruck zu vermeiden, dass man et- was herausbekommen hat: Deswegen demonstriert ein Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler seine Angst vor Kritik am besten damit, dass er nach Diskussion seufzt und so tut, als würden die, die etwas zu seinem Zeug sagen wollen, ohne den Seufzer ihr Maul nicht aufmachen. Auch mit der Ankündigung dessen, was man noch alles vor- hat, weil vieles noch offen geblieben ist, fährt man gut. Die Unzufriedenheit über die eigene Leistung schafft immer Freunde, und zwar solche, denen der Wind aus den Segeln genommen ist. Die Sache mit der Fruchtbarkeit gilt es umzudrehen: Man fordert die anderen auf, etwas daraus zu machen. Und da- mit die sich nicht überfordert fühlen, bescheinigt man sich und ihnen die Ohnmacht des Einzelnen, der für sich allein das gewaltige Pensum Erkenntnis gar nicht bewältigen kann.

So haben sich die bezahlten Gelehrten ein Instrumentarium von Entschuldigungen dafür bereitet, dass sie nichts wissen – also in ihrem Beruf versagen. Wenn sie sich dies leisten können und weiterhin vom Staat Geld für ihr Tun bekommen, so ist dies ein Hinweis da- rauf, dass sie für etwas anderes als für die Wahrheit bezahlt werden, was sie in Fortsetzung ihrer internen Verkehrsformen auch ausgiebig demonstrieren. Weil alle Beteiligten eifersüchtig über deren Einhaltung wachen, ist man in diesen Kreisen ziemlich schnell mit dem Verdacht bei der Hand, einer würde sich zu viel herausnehmen – nämlich auf Wissen beharren. Und das ist in der modernen Wissenschaft eindeutig und sehr sachgemäß ein Grund für die Exkommunikation. Wer sich diesen Verdacht zuzieht, bekommt zu hören, er würde sich vor Kritik immunisieren und anderen ein Denkverbot erteilen – als würde sich derjenige der Kritik entziehen, der seine Argumente ernst nimmt und gegen die anderer vertritt, und nicht diejenigen, die präventiv die bedingte Gültigkeit ihrer Gedanken konzedieren und jedem anderen dasselbe abverlangen. Er gilt als von der Hybris Geschlagener, handelt sich den Vorwurf der Arroganz ein und braucht deswegen auch nicht widerlegt zu werden. Und wenn so ein arroganter Außenseiter der pluralistischen Wissenschaft tatsächlich ein- mal einen Fehler demonstriert, findet er nicht etwa Leute vor, die sich auf ihr Handwerk besinnen und entweder froh darüber sind, von einem Fehler loszukommen, oder den Angriff auf ihr Tun widerlegen. Stets reagieren sie auf der einen Seite beleidigt, weil in ihren Theorien zugleich ihre Partikularität angegriffen wird – Originalität wird in der bürgerlichen Wissenschaft nicht so verstanden, dass jemand neue Erkenntnisse (origo!) hervorgebracht hat, sondern als Betätigung der Besonderheit geschätzt –, und auf der anderen mit dem gar nicht theoretischen Ruf nach der Staatsgewalt, die ihnen die Freiheit gewährt, mit ihren Gedanken um Rang und Namen in der Wissenschaft zu konkurrieren. In den Verkehrsformen dieser freien Konkurrenz haben sie ihr eigenes Kriterium, nach dem sie polizeiwidrige Gedanken machen.