Gesellschaft in der Soziologie

Zur Einführung in die Sozialwissenschaften

1. Gesellschaft ist das, wovon Soziologie die Wissenschaft ist

Das wäre banal? In der Soziologie keineswegs. Dort sieht man die Sache nämlich so:

„… geht es … nicht darum, noch nicht okkupiertes wissenschaftliches Terrain in der Welt der Tatsachen abzustecken. Da der Mensch in allen seinen Äußerungen als Gesellschaftswesen zu verstehen ist und deshalb (?) viele Wissenschaften sich seiner angenommen haben, kann die Soziologie auch nicht einfach eine Sammlung der Ergebnisse der Wissenschaften vom Menschen, von der Kultur, der Gesellschaft und der Geschichte liefern, sondern muss“ (wer zwingt sie eigentlich?) „durch Tatsachen, die als solche durchaus bekannt sein mögen, eine neue Linie legen. Gesellschaftliche Gegebenheiten sind einer neuen Abstraktion zu unterwerfen, mit eigenem Begriffsgerüst und eigener Methode,“ – wozu? dazu eben: – „um Soziologie als selbständige Wissenschaft zu konstituieren.“ (Grieswelle)

Noch vor der Benennung eines zu untersuchenden Gegenstandes führt die Soziologie zuerst einmal sich ein als Betrachtungsweise ohne spezielles „Tatsachenmaterial“. Eine ganze Bildersprache hat sie ausgebildet, um die quasi künstlerisch-subjektive Willkür als ihr Prinzip vorzuführen: „eine neue Linie legen“, „die Welt mit anderen Augen sehen“, „Scheinwerfer, die uns die Welt, in der wir leben, plötzlich in einem anderen Lichte zeigen“ usw. Ja, möchte da eine ganze Wissenschaft als Erweckungsideologie verstanden sein? Eine ganze Forscherzunft als Verein von Wiedertäufern? Das nun doch nicht; eine Wissenschaft möchte sie schon sein. Was ihre Gelehrten in gemeinsamer Anstrengung in die Welt hinein-„legen“, das soll irgendwie schon, und zwar als sehr wesentliche, ja überhaupt als die entscheidende Angelegenheit, in ihr drinliegen. Etwas noch Unentdecktes an allen Tatsachen, die schon längst von anderen Disziplinen untersucht werden, will die Soziologie mit ihren aparten „Scheinwerfern“ aufgestöbert haben. Bloß: was? Dieses bislang noch unbekannt und dem naiven Menschenverstand verborgen gebliebene Wesen wird methodisch ein- und vorgeführt als ein wahres Vexierbild: Fest steht erstens, dass es mit dem Bekannten und anderweitig Erforschten nichts zu tun haben soll. Haben die Konkurrenzdisziplinen da womöglich einen, am Ende den wichtigsten „Aspekt“ ihrer Gegenstände übersehen? Deutet sich da eine schonungslose Abrechnung mit den idealistischen Konstruktionen der übrigen Wissenschaften „vom Menschen“ an? Das nun auch wieder nicht. Soziologie als Betrachtungsweise eigenen Rechts – und dass sie ihr Recht hat, beweist die Tat: nichts als die Tat, die aber zur Genüge! – „konstituiert“ einen „Gegenstand eigenen Rechts“: ein Zwitterding, das weder ein bloß subjektiver Einfall noch ein antreffbarer Sachverhalt sein soll. Gesellschaft, so wie die Soziologie sie zu ihrem Thema macht, ist eine methodische Kunstfigur „mit eigenem Begriffsgerüst und eigener Methode“!

Und was, bitteschön, lehren uns „Begriffsgerüst“ und „Methode“?

2. Gesellschaft ist die Gesellschaftlichkeit

Dass alles, was die Leute von heute so treiben, nicht durch die Natur bestimmt ist, sondern durch gesellschaftliche Verhältnisse, die ihnen vorgegeben sind – diese Tatsache ist der Soziologie Anhaltspunkt und Anlass für eine unvergleichlich höhere – Tautologie: Was immer sie ihrer Aufmerksamkeit würdigt, sei, um ihm auf die Schliche zu kommen, „als gesellschaftlich“ zu betrachten. So inhaltslos und leer diese Identität tatsächlich ist, die die Soziologie mit ihrem „als“ entdeckt haben will, so sehr soll sie als maßgeblich, als „das Eigentliche“ gelten; als das „Wesen“, das

„- um eine Anleihe bei der lutherischen Sakramentaltheologie zu machen – ‚in, mit und inmitten‘ vieler verschiedener Bereiche menschlichen Handelns zugegen“ (Berger)

ist und deren tieferen Sinn ausmacht. Umschrieben wird diese bedeutungsschwangere Inhaltsleere, die die Soziologie professionell in die Welt hineinentdeckt, als „Formen des Zusammenlebens der Menschen, deren Summe wir Gesellschaft nennen“ (Mannheim), als „System menschlicher Interaktion“ (Berger), als „Tatsache der Verbundenheit“ und Ähnliches. „Gesellschaft“ soll also sein, was von den gesellschaftlichen Verhältnissen und Beziehungen übrig bleibt, wenn von deren Inhalt konsequent abgesehen wird: „Formen“, die gar nicht mehr die Formen irgendeines Inhalts, also „Formen“ von gar nichts Bestimmtem sein sollen. Konsequenterweise reduzieren sich diese „Formen …, deren Summe wir Gesellschaft nennen“, auf die bloße Beschwörung der Idee einer wohlerkennbaren Anordnung – „System“ – von was? von „Interaktion“: dessen also, dass alles, was Menschen so mit- und gegeneinander betreiben, sich unter die räumliche Metapher „zwischen“ packen lässt. Die kahle Abstraktion, die am Ende übrigbleibt, ist die Absurdität des Anfangs: die „Tatsache der Verbundenheit“ – ein „Ding“, das weder als „Tatsache“ noch als der Begriff irgendeiner Tatsache irgendwo und irgendwie aufzufinden wäre, sondern nur den festen Entschluss signalisiert, „Gesellschaft erstens ohne jeden Inhalt und zweitens das als das konstituierende Prinzip alles Gesellschaftlichen zu „denken“.

Ein Entschluss mit einer handfesten ideologischen Perspektive. Denn eines folgt daraus immerhin:

3. Gesellschaft ist, dass es ohne sie nicht geht

Was nämlich geht ohne sie nicht? Das, worauf es nach soziologischer Lehre überall so furchtbar ankommt, dass sich mehr dazu schon gar nicht mehr sagen lässt, nämlich das „als gesellschaftlich“. Eine Schlussfolgerung, die die Soziologie mit einem bedenkenlosen Mut zum Circulus vitiosus vertritt:

„Gesellschaft … Allgemein die Bezeichnung für die Tatsache der Verbundenheit von Lebewesen (Menschen, Tiere, Pflanzen) überhaupt. Als menschliche Gesellschaft ein Gefüge von Menschen bzw. von menschlichem Handeln zur Befriedigung individueller und gemeinsamer Bedürfnisse; das mehr oder weniger dauerhafte und organisierte Zusammenwirken zur Erreichung bestimmter Ziele oder Zwecke. In diesem Sinne ist Gesellschaft zu verstehen als Rahmen, als System, als vorgegebene Struktur, worin der einzelne Mensch Orientierung und Ordnung, Regelhaftigkeit und Bedeutungsgehalte findet.

Einhellig wird aufgrund der Forschungsergebnisse von Anthropologie und Ethnologie anerkannt, dass der Mensch (als gesellschaftliches Wesen, als soziokulturelle Persönlichkeit) ohne Gesellschaft nicht existieren kann.“ (Hartfiel)

Die soziologische Ur-„Tatsache der Verbundenheit“ wird hier ausformuliert zu einem Kompliment, das, wenn schon nicht über besagten „Gegenstand“, so um so deutlicher über die Denkweise der Disziplin Auskunft gibt. Jenseits aller tatsächlichen Zwecke und Inhalte menschlicher Gesellschaften – Menschenfreundliches gäbe es da verdammt wenig zu berichten! – soll der Leser sich Gesellschaft schlechthin als zweckmäßiges Mittel für allerlei den Individuen eigene Bedürfnisse vorstellen. Diese Vorstellung besitzt in ihrer Inhaltslosigkeit zugleich ihre Unwidersprechlichkeit: Es wird ja gar kein Dienst benannt, den die Gesellschaft ihren Mitgliedern leistet – bei jedem Beispiel, das der gutwillige Zögling der Disziplin sich einfallen lassen mag, würde sich ernst genommen sehr schnell herausstellen, dass da keineswegs die „Tatsache der Verbundenheit“ verantwortlich zeichnet, sondern der Zwang lohnarbeitsrechtlicher Dienstverhältnisse, die Exklusivität des Eigentums, die Ansprüche einer um ihre Grundlagen besorgten öffentlichen Gewalt und Ähnliches Wirkungen zeigen, die in der Regel nicht ohne Zynismus als Dienst für jedermann aufzufassen sind. Für eben diesen Zynismus aber ist die Soziologie gut. Dass „der Mensch“ „als gesellschaftliches Wesen“ „ohne Gesellschaft“ nicht geht – mit dieser Tautologie verhilft diese Wissenschaft der Existenz jedweder Gesellschaft mit allen ihren Einrichtungen zu einem sehr prinzipiellen Schein unanfechtbarer zweckmäßiger Notwendigkeit. Dass es sie gibt, ist Beweis dessen, dass es ohne sie nicht ginge, d.h. dass Gesellschaft ganz prinzipiell nützt. Sie ermöglicht gesellschaftliches Leben. Gäbe es sie nämlich nicht, dann könnte der Mensch als soziales Wesen gar nicht existieren. Q.e.d.

Gerade ohne dass ein Soziologe ein spezielles Parteibuch besitzt, hat er so der ganzen Welt sein unerschütterlich grundsätzliches und grundsätzlich unerschütterliches Wohlwollen ausgesprochen – ein denkbar gelungener, sprich: untertäniger Auftakt für eine freie Wissenschaft.

www.sozialistischegruppe.de/hefte/2003/Gesellschaft_Soz.rtf

Kommentare sind geschlossen.