Pädagogische Anthropologie

Blöde Frage: “Was ist der Mensch?”

Was soll er schon sein? Ein “homo oeconomicus” für die Volkswirtschaftler, ein “zoon politikon” für die Politologen, ein “animal soziale” für die Soziologen, ein Erdenwurm für die Theologen und “ein Tier, das denkt”, für die Rationalisten. Es fällt richtig ins Auge: jede Zunft ist bemüht, ihre sehr kulturellen oder politischen Anliegen rückwärts in die innerste, von jeder Kultur und Außeneinwirkung gereinigte Menschennatur reinzulesen, um dasselbe Anliegen dann als dem Menschen total entsprechend, als gerechtfertigtes Anliegen aus seiner Natur wieder herauszulesen – ein witzloses und zirkuläres Verfahren, das nur deshalb nicht ausstirbt, weil der Bedarf an Total-Rechtfertigungen offenbar nie zu decken ist: Wirtschaft, Staat, Gesellschaft usw. sollen nicht als diese besonderen, die wir heute vor uns haben, betrachtet, gewürdigt, für gut oder schlecht befunden werden, sondern ganz grundsätzlich – gewissermaßen ein für alle Mal und ohne Betrachtung seiner /ihrer tatsächlichen Eigenschaften als gut, weil für den Menschen nötig, aus seiner Natur abgeleitet werden. Wenn die Erziehungswissenschaft dieselbe Frage bezüglich der Erziehung stellt, verhält es sich nicht anders.

Blöde Frage Nr. 2: “Darf man erziehen?”

Jede Gesellschaft der Weltgeschichte hat ihren Nachwuchs erzogen – und zwar immer genau dazu, was er später eben tun sollte: Bei den Spartanern mussten die Jungen kämpfen und Krieg führen lernen, die Indianderkinder jagen und fischen, die Kinder des europäischen Mittelalters ein Handwerk, und in der kapitalistischen Industriegesellschaft lernen die Kinder auch das, wozu man sie später braucht: wenige Gescheite sollen da beim Erziehungsprozess herauskommen und viele Dumme, weil der Arbeitsmarkt das so nachfragt. Die Beurteilung der Erziehung in einem Land fällt voll zusammen mit einem Urteil über das ,Wofür’ der Erziehung; ob man den Kindern damit Gutes tut oder nicht, hängt völlig ab davon, ob es gute und vernünftige Rollen sind, die sie als Erwachsene spielen sollen. Von genau dieser Frage und ihrer Beantwortung will die Erziehungswissenschaft an der Uni nichts wissen. Sie stellt lieber jede Erziehung ebenso grundsätzlich in Frage:

“Welches Recht hat eigentlich der Erzieher, ein solches Tun …auszuüben? Was gestattet es dem Kind, oder was nötigt das Kind dazu, sich erziehen zu lassen, und das heißt: in gewissem Sinne über sich verfügen zu lassen?”

(Arbeitsbuch Pädagogik, Hrsg. Fischer, S.10 ) -,

wie sie mit ihrer Antwort: “Man darf nicht nur erziehen, man muss!”, jede Erziehung zu jeder denkbaren Funktion absegnet. Und das, weil sie die Sachfrage dessen, was man einem Kind beibringt, gegen die Freiheitsfrage umtauscht, ob man ein Kind “lenken, führen, gängeln, nötigen und bevormunden” dürfe. Ein Kind, das zumindest am Anfang sowieso nichts weiß und nichts Bestimmtes will, muss doch sowieso etwas lernen, was es nicht nachgefragt hat. Und da begründen Erzieher ihr Tun nicht damit, was sie dem Kind beibringen wollen, sondern stellen und beantworten sich die absurde Frage, mit welchem Recht man dem Kind überhaupt etwas beibringen darf, was es selbst nicht verlangt. Es stimmt verdächtig, wenn Leute sich die Frage stellen, ob sie andere herumdirigieren dürfen – und sich darauf sehr grundsätzliche Antworten geben.

Der Mensch – eine instinktarme, aber weltoffene Frühgeburt

Nun könnte man auf die Pädagogen-Frage, ob man überhaupt erziehen darf, ja das unfertige Kind ehrlich mit dem erwachsenen Menschen vergleichen und daran feststellen, was das Kind alles lernen oder sich antun muss, bis es auch so wird. Aber – man merkt es gleich – das Verfahren ist den Pädagogen nicht grundsätzlich genug: Sofort käme die Frage auf, ob die Kinder überhaupt so werden sollen wie die Alten und ob das Leben bei uns richtig eingerichtet ist. Das “Recht zur Erziehung” fiele relativ aus, denn so klar wäre es auch nicht, worauf wir die lieben Kleinen nun hinbiegen dürfen.

Hier leistet die Anthropologie gute Dienste. Sie bemüht sich um eine quasi-biologische Antwort, die den Vorzug hat, ausdrücklich nur vom Kind als solchem zu reden, ganz ohne Bezug auf die Erwachsenenwelt, jenseits aller Gesellschaften, Zivilisation und Kultur. Das nackte Wesen selber schreit nach Erziehung – so die Antwort der Anthropologen -, mit ihrer paradoxen Behauptung, das Menschenkind sei ein Wesen, das sich durch die Eigenschaften auszeichnet, die es nicht hat: ein “Mängelwesen”! Biologisch gesehen stimmt die Behauptung nicht: Lebensfähig sind die Menschenbabies, sofern sie keine wirklichen Frühgeburten sind – sehr wohl. Gesäugt werden müssen sie, wie alle Säugetiere, bis sie andere Nahrung vertragen. Seit die Menschen sich nicht mehr von den Beeren des Waldes ernähren, sondern vermittelst halbautomatischer Fabriken, müssen die Kinder diese Weise der Nahrungsmittelbeschaffung erst erlernen – nicht um zu essen, das können sie schnell, sondern um sich das Geld dafür zu verdienen. Das aber liegt nicht an ihrer Natur, sondern an Wirtschaft und Technik der Erwachsenen. Tiere brauchen das nicht – aber nicht, weil sie das mit ihren Instinkten abwickeln, sondern weil das die Tierwelt überhaupt nicht betreibt.

Dass die Pädagogen ihre biologische Theorie so wörtlich gar nicht genommen haben wollen, sondern mehr “metaphorisch”, nützt nichts: Der Mensch-Tier-Vergleich wird mutwillig für das Bild zurechtkonstruiert, dass der Mensch ein schlechtes Tier wäre, aber durch Erziehung viel besser als ein Tier wird; Der Vergleich setzt menschliche und tierische Eigenschaften qualitativ gleich, um einen quantitativen Unterschied zu “beweisen”. Da wird erstens mit der Kategorie der “instinktsicheren Angepasstheit” die völlige Unterworfenheit des Tieres unter seine Umwelt, von der es tatsächlich nur ein Teil ist, zur sinnreichen Schöpfung (oder vernünftigen Natur) aufgepeppt: die Kuh frisst Gras und verdaut es in zwei Mägen. Sie ist herrlich angepasst, denn hätte sie keine zwei Mägen, wie sollte sie in ihrer Weise das Gras verdauen? Der Frosch lebt im Wasser. Er ist gut angepasst, denn hätte er keine Schwimmhäute… Die Begeisterung, dass Tiere nichts falsch machen können, ist nur die andere Seite der Wahrheit, dass sie nichts richtig machen können. Sie machen, was sie machen, und wenn die Bedingungen nicht danach sind, verrecken sie halt. Zweitens fehlt dem neugeborenen Menschenjungen dieser Instinkt nicht, wenn es erst lernen muss, in einer technisch-zweckmäßig eingerichteten Welt zurechtzukommen. Überhaupt hat der Mensch kein Anpassungsproblem, das er anders (vielleicht gar besser) löst als das Tier, wenn er sich seine Umwelt nach seinen Anliegen einrichtet – wie die Anthropologen selber mitteilen: Jetzt ist plötzlich der Nachteil sein Gegenteil – ein Vorteil!

“Was auf dieser Stufe als Wesenszug des Menschen im Vergleich zum Tier sichtbar wird, ist die geringe Entwicklung seiner Instinkte, seine “Weltoffenheit”, seine Umweltentbundenheit. Es gibt keine Umwelt für den Menschen, wie man sie für ein Tier meistens angeben kann. Unserer ganzen Daseinsart entspricht es im Gegenteil, in irgendeinem vom Menschen aufgesuchten Naturbereich sich eine besondere ‚Welt’ zu schaffen.”

(Hierdeis, Basiswissen Pädagogik I, 167 f.) .

Damit wird endgültig der ganze Vergleich von Mensch und Tier hinfällig. Angepasstheit – das gemeinsame Dritte, der Vergleichsmaßstab – existiert gar nicht: weder als Leistung des Tieres, noch als Anforderung an den neuen Menschen.

Der Mensch-Tier-Vergleich der Anthropologen erbringt also nicht nur eine sehr fragwürdige Rechtfertigungsleistung, er ist auch für sich unhaltbar. Wer natürlich weiterhin glauben will, dass Erziehung ein Auftrag ist, den ausgerechnet das nackte Baby, das nichts weiß und nichts will, erteilt; dass gleichgültig was für eine Erziehung in jedem Fall ein guter Dienst am Kind ist, der wird den Gedanken weiterhin pflegen, nach dem der Mensch ein unfertig geborenes Tier sei, bei welchem die Erzieher während 15 Lebensjahren sehr umständlich ein zweites Schwangerschaftsjahr ersetzen (Portmann) und künstlich Instinkte imitieren.

www.sozialistischegruppe.de/hefte/2003/arg_jur.rtf

Kommentare sind geschlossen.