Jour Fixe am 12. Juni

Veranstaltungsempfehlung

Die „Tragödie in Bangladesch“

Ein extremes Zeugnis für den verächtlichen Umgang des Kapitals mit der Arbeit

MITTWOCH (!!!), 12. Juni 2013, 19.30 Uhr
Werkhof, Gaußstr. 25/Ecke Nernstweg

1. Eine riesige Textilfabrik in Dhaka stürzt ein. „Der größte Industrieunfall in der Geschichte Bangladeschs“ kostet über 1100 Arbeiter das Leben, die im Auftrag namhafter westlicher Textilmultis dort an den Nähmaschinen saßen und trotz Mauerrissen zur Fortsetzung ihrer Arbeit gezwungen wurden. Alle Nachforschungen und Berichte ergeben: Die dortigen Lohnsklaven müssen ihre Arbeit unter „haarsträubenden Bedingungen“ verrichten. Das ist ein Skandal. Woran liegt es, dass es immer wieder zu „Katastrophen in der rasch wachsenden Textilindustrie von Bangladesch“ kommt?
2. Die Antwort der kritischen Öffentlichkeit heißt: In der Hauptsache an den Kunden der großen Modeketten, die in solchen Ländern ihre Produktionsstätten betreiben. Die werden als „Schnäppchenjäger“, die sich in ihrer Gier nach Billigware an „T-Shirts für 2,50 Euro“ erfreuen, in einen ursächlichen Zusammenhang mit den miesen Arbeitsverhältnissen gestellt – ganz so, als würde sich das letzte Glied in der kapitalistischen „Wertschöpfungskette“, der Kunde, bei seinem Modeladen die tödlichen Arbeitsbedingungen bestellen, nur um an superbillige Bekleidung ranzukommen. Und ganz so, als wären sie die mächtigen Subjekte, die mit ihrer beschränkten Kaufkraft die globalen Verhältnisse einrichten, unter denen die Arbeit marktwirtschaftlich benutzt wird, und die großen Textilfirmen bloß die ausführenden Organe der Gier nach Billigware, die nicht anders als mit solchen miserablen Arbeitsumständen zu erfüllen ist.
3. Mit dieser dem Kunden angelasteten Gewissensfrage ist die Richtung der weiteren Befassung mit der „Tragödie in Bangladesh“ weitgehend vorgegeben. In der ausgiebigen Schilderung des brutalen Umgangs mit der Arbeit in den Textilfabriken vor Ort wie auf der anderen Seite der Käufermassen in Frankfurt und Berlin, die die Sonderangebote in den Kleiderfilialen abräumen, kommen die Textilunternehmen allenfalls als Erfüllungsgehilfen ihrer Kundenwünsche, also am Rande vor – nie aber als das entscheidende Bindeglied, das mit seinen Geschäftsinteressen das ökonomische Subjekt der ganzen Veranstaltung ist. Denn immerhin sind sie es, die die Preise der produzierten Waren und darin eine Geschäftsrechnung geltend machen, in der die Kunden wie die Produzenten der Waren als benutzte Statisten kalkuliert werden: Die einen als weltweit verfügbare Arbeitsmasse, aus der für billigstes Geld – 30 Euro im Monat – ein Maximum an Leistung herauszuholen ist; und die anderen als Massenkaufkraft, um deren beschränktes Geldeinkommen mit „Ultra-Niedrigpreisen“ konkurriert wird. Wenn überhaupt, dann stellt dieses kapitalistische Geschäftsinteresse am Preis als Waffe in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz die Kunden in einen Zusammenhang zu den Produzenten der billigen Textilien.
4. Es ist dieses in die Fabriken rund um den Globus exportierte Geschäftsprinzip, das die Arbeit radikal unter den Anspruch einer zu minimierenden Kost setzt: selbst stand- und feuerfeste Arbeitsstätten, in denen die Arbeit durchs Kapital benutzt wird, zählen in dieser Rechnung wie eine übertriebene Schonung der Arbeiter – ein Kostenaufwand, der dem Kapital schadet, weil er dessen Wachstumspotenz schmälert. Die tödlichen „Katastrophen“ wie jüngst in Bangladesch sind nicht die „Schattenseiten der Globalisierung“, sondern die extreme Konsequenz eines Umgangs mit der Arbeit, die der Vermehrung des privaten Geldreichtums dienstbar gemacht ist. Als Quelle von Kapital wird die Arbeit in der marktwirtschaftlichen Welt hoch geschätzt – und genau deshalb so verächtlich behandelt, wie es die angesehene Phalanx der Modefirmen jetzt wieder brutal vorgeführt hat. Auf ihre Weise bezeugen das sogar Parteigänger der heiligen Marktwirtschaft:
„Die Kunden und die Aktionäre (!) von Primark und anderen (auch im Preis ihrer Ware teureren) westlichen Modeketten sind gefordert, diesen Missständen ein Ende zu bereiten. Wenn sie es nicht tun, werden in den Fabriken von Bangladesch weiter Arbeiter für billige T-Shirts ihr Leben lassen.“ (Zitate aus der FAZ)
Also hat das Kapital offenbar von sich aus keinerlei Grund, seinen lebensgefährlichen Umgang mit der Arbeit einzustellen!
5. Das gilt aber nicht als Einwand gegen eine Wirtschaftsweise, die die Produzenten des materiellen Reichtums auf so schäbige Art und Weise für den herrschenden Produktionszweck Kapitalwachstum einspannt, sondern als gegebene und unumstößliche Realität. Dass jetzt die Textilarbeiter von Dhaka mit Protest und Streik einen Vertrag zwischen ihrer Regierung und den Modefirmen erreicht haben, der ihnen die Einhaltung und Kontrolle von „Sicherheits-Mindeststandards“ in den Fabriken zusagt, gilt rundherum als großer Meilenstein für die Sache der Textilarbeiter und für nicht wenige als gutes Ende der „Tragödie von Bangladesch“. Ob man mit dieser Lesart richtig liegt, ist sehr die Frage, denn: Was ist das eigentlich für ein erbärmlicher Status der Arbeit, wenn die Arbeiter erst noch dafür kämpfen müssen, dass sie für 30 Euro Monatslohn in einigermaßen gesicherten Behausungen angewandt werden; wenn es dafür ein aufwändiges Rechtsabkommen braucht, das detailliert regelt, wo die „Mindeststandards“ anfangen und aufhören; wenn zu deren Kontrolle UNO-Instanzen wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und Textilgewerkschaften nötig sind…usw.?

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